Predigt am Pfingstsonntag, den 31. Mai 2020

Predigt am Pfingstsonntag, den 31. Mai 2020

Liebe Mitbrüder, liebe Schwestern!

Können wir Pfingsten feiern, wo Ostern – gefühlt – nicht stattgefunden hat; nicht so wie wir es sonst – vor allem hier in Rom – gewohnt waren – mit festlichen Liturgien, mit frohem Gesang und mit vielen Menschen? Welt und Kirche haben sich verändert seitdem die Corona-Pandemie das Leben so gelähmt hat. Der `lockdown´ hat Menschen verschlossener gemacht und das angesagte `social-distancing´ viele einsamer. Ausgewiesene Plätze zu Gottesdiensten mit Anmeldung wirken eher wie eine Zerstreuung statt wie eine Versammlung. Gemeinschaft auf Abstand wird nicht selten zum Einstand in die Einsamkeit. Wo sich gewohnte Glaubenspraxis vereinzelt, droht sich auf Dauer auch das Gebet zu privatisieren. Im `lockdown´der Liturgie besteht auch die Gefahr eines kirchlichen Rückzugs in Raten. Können wir dann noch Pfingsten feiern, wenn Ostern schon die Kirche eher das Bild eines `closed shop´ abgeben musste?

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben allen Grund zu diesem Fest, weil sein Ursprung in der Apostelgeschichte uns in den `lockdown´ des Abendmahlssaales führt. Und auch das Evangelium dieses Pfingsttages bringt uns dorthin, wo wir schon Ostern waren: „Am Abend des ersten Tages der Woche als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19).

Verschlossene Türen sind nicht selten ein Ausdruck verschlossener Herzen. Menschen verbarrikadieren sich aus Angst und wo das Herz aufgeht, öffnen sich auch Hände und Türen. Die Corona- Pandemie hat uns zum Rückzug gedrängt. Sich daran zu gewöhnen, birgt die Gefahr, dass dieser Modus zur Mentalität werden kann. Gerade darin braucht es Pfingsten mit dieser Sehnsucht, aus sich heraustreten zu können und wieder auf den anderen zuzugehen. Dazu verhilft Jesus den Jüngern im Abendmahlssaal, indem er ihnen seine Hände und seine Seite zeigt. Wunden weisen hier Wege. So nahe wie der Herr ihnen hier kommt als er sie anhaucht, ist in Corona Zeiten nicht möglich. Die Qualität der Nähe, die der Herr den Jüngern schenkt, kann aber gerade in Corona-Zeiten zu einem pfingstlichen Aufatmen werden. Zu begreifen, wie Wunden das Leben wenden können, das ist der Weg von Ostern nach Pfingsten. Die Quarantäne im Abendmahlssaal ist nicht der `lockdown´ des Glaubens, sondern ein Verharren in Einmütigkeit, das die Welt ins Gebet nimmt, innere Öffnung bei äußerlich verschlossenen Türen, Sammlung für eine neue Sendung, Einkehr zum Aufbruch.

Als vor wenigen Wochen in vielen medialen Beiträgen der Befreiung des Hitler-Deutschlands von der Nazi-Diktatur vor 75 Jahren gedacht wurde, war auch von einem jungen Jesuiten die Rede, der sich seinerzeit in einer Gemeinde Berlins durchgerungen hat, sich nicht zu verkriechen, sondern für seine Überzeugung einzustehen. Seinen Weg von den Wunden, die die Widersacher ihm immer wieder zugefügt hatten, zur Wahrheit, die ihn auftreten und aus aller vorsichtigen Verschlossenheit heraustreten ließen, bringt er in sein Tagebuch ins Wort. Dieser eine Satz hat mich nicht mehr losgelassen: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“

Das ist das Wunder von Pfingsten und das bringt die Wende im Abendmahlssaal. Die Nähe des Herrn nährt ein Beten, das solche Wandlung wirkt. Die Gabe seines Geistes entfacht einen Gemeinsinn, der innere Verbundenheit auch in äußerer Einsamkeit erfahren lässt. Das lässt den Christen stehen und gehen, wo andere einknicken und sich wegducken. „Mut ist Angst die gebetet hat“ und sie wächst, wo wir immer wieder geistlich den Weg vom Gründonnerstag zum Pfingstsonntag nachgehen. Es ist der Weg, den der Herr uns österlich vorausgegangen ist, dessen Wahrheit nur ergründet werden kann, wo es das pfingstliche Aufbrechen gibt und der Leben in dem Maß vermittelt, wie neuer Mut aus einer Angst kommt, die gebetet hat.

Hier in Rom kann man diesen Weg in einer pfingstlichen Ausrichtung gehen, die drei Kirchen zu kon-Spirativen Knotenpunkten macht, an denen auch wir uns in Corona-Zeiten freuen dürfen – wie die Jünger – den Herrn zu sehen. Ich gehe gerne auf diesen Spuren, wo jeweils der genius loci bewegt, so zu beten, dass Angst sich in Mut wandelt  und zu sehen, was das alte Sprichwort (der Zisterzienser) sagt: „Porta patet – cor magis!“

  1. anstoßen und aushalten

Das sind gleichermaßen österliche wie pfingstliche Haltungen. Man nähert sich ihnen vom Karfreitag her, wenn man die Kirche Santa Croce in Gerusalemme betritt. Ihren Namen hat diese Basilika als eine der sieben Hauptpilgerkirchen Roms von den Kreuzreliquien und Leidenswerkzeugen Jesu, die hier aufbewahrt und gezeigt werden. In der Betrachtung so weltlich erscheinender Folterinstrumente erspürt der Beter die Angst, die den Herrn vom Garten Gethesemane in Jerusalem bis zum Tod auf Golgotha in Atem gehalten und letztlich seinen Geist hat aushauchen lassen. So, wie Jesus auf Erden mit seinem Evangelium Anstoß erregt hat; so, wie er aus Liebe ausgehalten hat, wo alles dafür sprach, aufzugeben, zeigt er uns, wo der Angelpunkt jener Tür ist, die Herzen öffnet. Der Mut, alleine dazustehen, ist Angst, die gebetet und geschwitzt hat. In äußerster Verlassenheit eine innere Verbundenheit durchzutragen, bezeugt ein Vertrauen in eine letzte Verlässlichkeit. „Gott du mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien“ (Ps 22,1-2).

Diese Klage am Kreuz öffnet einen Raum für das Hadern. „Aber du thronst über dem Lobpreis Israels, dir haben unsere Väter vertraut und wurden nicht zuschanden“ (Ps 22,4-5). Diese Vergewisserung ist Vergegenwärtigung. So, wie der Herr in seiner Hingabe bis zum Äußersten seinen Geist aushaucht, gewinnt österlicher Glaube jenen Grund, auf dem Jesus seine Jünger mit dem Geist von Pfingsten anhaucht. Die Liebe, die sich verzehrt, wird zum Geist, der Beten lehrt und den Glauben vermehrt. Gottes Hl. Geist ist in diesem Sinn von Anfang an anstößig. Gott baut seine Kirche auf dem Stein, der zum Eckstein wurde und der – wie der Apostel Petrus in seinem ersten Brief schreibt – „für jene, die nicht glauben, der Stein ist, den die Bauleute verworfen haben und der zum Stein geworden ist, an den man anstößt und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt“ (vgl. 1 Petr. 2,7-8).

Pfingsten will in Kirche und Welt Neues anstoßen. Was an Ostern – ganz in der Nähe zum Karfreitag – noch anstößig scheint, bringt mit Pfingsten die Jünger neu in Bewegung. Sie haben im Obergemach gelernt auszuhalten, was es jetzt auszutragen gilt. Wer die Kirche Santa Croce in Gerusalemme betritt, sieht in den Leidenswerkzeugen des Herrn die Schlüssel zu seiner Liebe, die einen Raum für die Kirche öffnen, den seine Jünger immer wieder neu lernen müssen zu bewohnen. In Santa Croce darf man und möchte man nicht stehen bleiben. Man muss weitergehen, um dorthin zu kommen, wo durchbetete Angst zum gewagten Mut wird, der sich aus einem Zweiten ergibt: 

II          versinken und versenken

Ganz in der Nähe von Santa Croce in Gerusalemme erhebt sich hier in Rom die mächtige Patriarchalbasilika San Giovanni in Laterano. Dort, wo einst nach dem Sieg Konstantins über Maxentius alles weichen musste, was an den Verlierer erinnerte, dort wo die „damnatio memoriae“ ihr Feld bekommen sollte, bauten Christen später jenes Baptisterium, das zu einem Bauwerk heiliger Erinnerung geworden ist. Dort, wo die Taufbewerber einst in der Osternacht in den Fluten des Wassers versinken mussten, wurde so anschaulich, worin sie sich versenken. Es waren einst die, die den Mut aufgebracht hatten, in die Knie zu gehen vor einer Liebe, die sie erhebt und aufzustehen gegen jene, die sie einschüchtern wollten.

Mehr noch als die im Lauf der Geschichte mehrfach veränderte Lateranbasilika ist ihr Baptisterium ein originärer Ort und ein Original des österlichen Glaubens. Die Angst, beim Untertauchen keine Luft mehr zu bekommen, wird zum befreienden Aufatmen, wo der Getaufte aus dem Wasser steigt. Neues Selbstvertrauen vermittelt sich hier als das Geschenk eines gewagten Gottvertrauens. In diesen Strom zu treten, in diesem Fluss zu stehen, macht die Überlieferung unseres Glaubens zu einer pfingstlichen Verheißung. Denn „wo immer“ – wie es der Dichter Hölderlin sagt – „Gefahr ist, da wächst das Rettende auch!“ Wo wir Angst bekommen, zu versinken, müssen wir uns versenken. Österliche Vertiefung bewirkt pfingstliche Verheißung.

Papst Leo der Große hat es im Blick auf das Lateran-Baptisterium so zum Ausdruck gebracht, wie es noch heute im umlaufenden Schriftband über dem Taufort zu lesen ist:  „Hier fließt die Quelle des Lebens. Den ganzen Erdkreis umspült sie. Aus der Wunde des Herrn nahm sie ihren gesegneten Lauf.“ Im Strom einer Überlieferung zu stehen, die das eigene Leben mitreißt, wo es sich aus eigenem Antrieb eher in ein gemächliches Seitenwasser verfangen könnte, ist pfingstlicher Schwung, von dem man auch sagen könnte: Aufbruch ist Trägheit, die gebetet hat. Wer sich Gott überlässt, wächst über sich selbst hinaus. Pfingstliche Menschen haben ein österliches Fundament!  Wahre Bewegung gibt es nicht ohne Bewährung! Wer sich davon erfassen lässt, findet in die Schule des Apostels Paulus und kann gerade hier in Rom ein Drittes entdecken:

III         verbergen und verbreiten

Wie immer man den Weg vom Lateran in das Zentrum des antiken Roms wählt, man passiert an der Via del Corso die Kirche Santa Maria in Via lata oder man schlendert vom Campo dei Fiori so durch die Gassen, dass man auf die Kirche San Paolo in Regola stößt. Beide streiten sich darum, welche der authentische Ort für den Abschluss der Apostelgeschichte im 28. Kapitel ist. Nachdem Paulus vor Malta Schiffbruch erlitten hatte und sich dann weiter nach Rom  begibt, wo ihm der Prozess gemacht werden soll, bekommt er die Erlaubnis, bei soldatischer Bewachung frei zu wohnen. Beide Kirchen heben aber auch heraus, was Pfingsten braucht, damit Ostern in die Welt kommen kann.

Paulus verbirgt sich hier in Rom in einer Wohnung, die die eine Kirche hier als Krypta, die andere als Kapelle zeigt. Seine Erfahrungen als Gefangener interessieren die Menschen und der Apostel spricht davon, dass er „um der Hoffnung Israels willen diese Fesseln trägt“ (Apg. 28,20). Man wird erinnert an seine Abschiedsworte an die Ältesten von Ephesus (wenige Kapitel davor): „Nun ziehe ich gebunden durch den Geist (nach Jerusalem und ich weiß nicht, was dort mit mir geschehen wird.) Nur das bezeugt mir der Heilige Geist von Stadt zu Stadt, dass Fesseln und Drangsale auf mich warten“ (Apg 20,23). Paulus weiß darum, dass Gottes Heiliger Geist ihn auf das Schicksal Jesu bindet und verpflichtet. Seine Zelle hier in Rom wird zum Zugang für das Evangelium. Wie die Elf nach Ostern um Maria braucht er ein Obergemach, in dem im Gebet und Gespräch mit anderen der Mut und die Kraft erwachsen nach ganz unten zu gehen.

Verbergen und Verbreiten sind die beiden Brennpunkte einer Evangelisierung, die die Kirche dorthin bringt, wo Jesus war und wo er uns wissen will. Verkündigung ist der Versuch, zu stammeln, um nicht stumm zu werden, das Wagnis zum Wort, auch wenn wir mehrfach dazu anzusetzen müssen und es oft nur im Schweigen tragen können. Pfingsten öffnet die Tür zu verborgenen Obergemächern und aus den Räumen des Rückzugs in die Welt. Es setzt auch dem `lockdown´ einer Pandemie das `start up´ des Evangeliums gegenüber, das nicht müde wird, immer wieder neu anzufangen und aufzuschließen, wo Menschen verschlossen geworden sind. In diesem Sinne stimmt auch das Wort des Philosophen Aristoteles: „Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen!“ 

Liebe Schwestern und Brüder, Pfingsten hängt ohne Ostern buchstäblich in der Luft. Aber weil der Geist Jesu aus dem Garten Gethsemane kommt, sich auf Golgotha offenbart und in Galiläa in den Erscheinungen des Auferstandenen manifestiert, ist die Botschaft dieses Festes so geerdet. In allem ist es dieser Mut, der aus einer Angst erwächst, die gebetet hat; -nicht die Adaption an das, was ankommt,sondern anstoßen und aushalten; nicht das Eigene ins Trockene zu bringen, sondern versinken und versenken; nicht die bühnenreife Show in Liturgie und Leben, sondern sich verbergen um das Evangelium zu verbreiten.

Gerade in Corona-Zeiten geben diese Haltungen Halt. Sie erinnern, was weiter gilt, wo das Leben plötzlich unterbrochen scheint und doch so weitergeht, wie wir es heute festlich bekennen:

„Der Geist des Herrn durchweht die Welt,

gewaltig und unbändig.

Wohin sein Feueratem fällt,

wird Gottes Reich lebendig.

Da schreitet Christus durch die Zeit

In seiner Kirche Pilgerkleid,

Gott lobend: Halleluja“

Amen.